
„Ich glaub’, ich steh’ im Wald“ – dieser Gedanke dürfte vielen Besucherinnen und Besuchern kommen, wenn sie das Deutsche Textilmuseum Krefeld betreten. Stämme ragen empor, Wurzeln breiten sich aus, Moose und geheimnisvolle Wesen scheinen den Raum zu erobern. Textil und Natur verschmelzen zu einer eindrucksvollen Einheit.
Mit der Ausstellung „Sehnsucht Wald“, die seit dem 1. März läuft, widmet sich das Museum am Andreasmarkt einem hochaktuellen Thema. Bis Ende Dezember 2026 ist die Schau zu sehen – ungewöhnlich lang für eine Ausstellung des Hauses. Doch sie bleibt in Bewegung: Werke kommen hinzu, andere gehen. Die Ausstellung wächst, verändert sich, „wuchert“ im besten Sinne.

Museumsleiterin Dr. Annette Schieck spricht von einem Experiment. Möglich wird der lange Zeitraum durch zeitgenössische, robuste Arbeiten. Historische Textilien aus der rund 30.000 Objekte umfassenden Sammlung sind lichtempfindlich und nur begrenzt ausstellbar. Moderne textile Kunst eröffnet hier neue Spielräume. Eine eigens entwickelte Eintrittskarte – vier Besuche zum Preis von drei – lädt dazu ein, den Wandel mehrfach zu erleben.
Mehr als 100 Objekte sind dauerhaft zu sehen. Acht Künstlerinnen und Künstler aus Deutschland, Polen, der Slowakei, Spanien und der Ukraine beteiligen sich, ergänzt durch sieben Studierende der Hochschule Niederrhein. Alle Arbeiten stehen gleichwertig nebeneinander, verbunden durch das Motiv des Waldes.
Zentraler Blickfang ist der monumentale „Crochet Tree“ von Silke Bosbach. Der rund fünf Meter hohe, etwa 20 Kilogramm schwere Häkelbaum hängt frei im Luftraum zwischen Erdgeschoss und erster Etage. Aus knapp 250 Knäueln Garn gefertigt, bildet er mit Stamm und ausladender Krone einen schützenden Raum – Sinnbild für Geborgenheit und zugleich für die bedrohte Natur.

Warum Wald im Textilmuseum? Für Schieck ist es ein persönliches Anliegen. Klimawandel, Dürre und Schädlingsbefall verändern die Landschaft sichtbar. Künstlerinnen und Künstler greifen diese Entwicklungen auf und thematisieren Schönheit, Verlust und Verantwortung gleichermaßen.
Zugleich zeigt die Ausstellung, wie textile Kunst entsteht. Die detailreichen Stickbilder von Brunhild Mauss machen nachvollziehbar, wie aus unzähligen Stichen dichte Bildwelten wachsen – Faden für Faden entsteht ein kleines Ökosystem.
Das Deutsche Textilmuseum verbindet mit „Sehnsucht Wald“ Tradition und Gegenwart. Aus einer einstigen Lehrsammlung entwickelte sich über Jahrzehnte eine bedeutende Sammlung historischer Textilien und Bekleidung aus aller Welt. Heute schlägt das Haus in Linn ein neues Kapitel auf – zwischen textilem Erbe, zeitgenössischer Kunst und globaler Verantwortung.
Deutsches Textilmuseum Krefeld
Andreasmarkt 8
47809 Krefeld
deutschestextilmuseum.de
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag, 11 – 17 Uhr (ab April 10 bis 18 Uhr)
Ausstellung „Sehnsucht Wald“ 01. März – 27. Dezember 2026
Foto Portrait: Felix Burandt

